Band: UNVERKALT
Album: Héréditaire
Genre: Post Metal
Label: Season Of Mist
Trackliste:
01. Die Auslöschung
02. Oath Ov Prometheus
03. Ænæ Lithi
04. A Lullaby For The Descent
05. Penumbrian Lament
06. Introjects
07. I, The Deceit (feat. Sakis Tolis)
08. Death is Forever
09. Maladie de l’Esprit

UNVERKALT sind eine Post-Metal-Formation, ursprünglich aus Griechenland, inzwischen in Berlin beheimatet, die seit ihrem Start 2017 die Grenzen des Genres auslotet. In ihren bisherigen Alben verbanden sie weite Klanglandschaften mit emotionaler Wucht, ritueller Schwere und experimentellen Strukturen – stets getragen von Dimitra Kalavrezous eindringlicher Stimme, die zwischen verletzlicher Klarheit und archaischer Härte oszilliert. Mit ihrem dritten Werk Héréditaire, zugleich dem ersten Album für das renommierte Label Season of Mist, versuchen UNVERKALT tiefer in die Schatten des Menschlichen einzudringen, als je zuvor und untersuchen musikalisch wie konzeptuell das Weiterleben innerer Dunkelheiten über Generationen hinweg.
Der Opener „Die Auslöschung„ ist wie ein Kickstart ins Album. Zunächst schleppend, etwas träge, düster. Ohne viel Vorgeplänkel setzen die Vocals ein, nach knapp 80 Sekunden ein gehauchtes „I miss the way you way you hurt me, thought I was gonna stop!“ als Signal für einen aggressiven, druckvollen, wälzenden Ausbruch. Ein pulsierende Bass, drängende Drums, tiefe Growls im Kontrast mit der gehauchten Leadstimme. Der Song gewinnt weiter Profil und frisst sich langsam weiter ins Bewusstsein, scharfe kantige Riffs, zunehmend wuchtiger werdende Drums, Vocals, die sich ins Schreien steigern. Eine gelungene Dramaturgie, der lyrisch ausgedrückten destruktiven Ambivalenz.
Kontraste bleiben zentrales Element des Albums. Helle, fast ätherische, vereinzelt mit Pop-Anmutung performte Clean-Passagen und eruptive harsche Vocals. Warme, verführerische Melodien kollidieren mit kalten, spröde-ablehnenden, dissonanten Passagen. Die Rhythmik pendelt zwischen schleppender, fast schmerzhafter Schwere und eruptiven, kraft- und energievollen Ausbrüchen.
Verletzlichkeit und aggressive Wucht erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Ausdrucksformen desselben emotionalen Spektrums. Sie greifen ineinander, überlagern sich, stehen sich gegenüber, wie ein Dialog mit dem eigenen Selbst im Spiegel hier versöhnlich, dort anklagend, mal verletzlich, mal verletzend. Ein permanentes Ringen um die Identität zwischen Ego und Selbst, in Auseinandersetzung mit dem Du und den Ahnen, dem fortgeschriebenen Erbe (Héréditaire). Die Frage ob dieses Erbe erwünscht ist oder nicht, stellt sich dabei nicht, es ist einfach da und wirksam.
Song für Song arbeiten sich UNVERKALT tiefer in die Psyche, legen Schicht für Schicht frei. In „Oath Ov Prometheus„ ist es rücksichtsloser, scharf und kalt, in „A Lullaby for the Descent“ zunächst zurückhaltend, zieht dann aber umso unerbittlicher in Richtung Abstieg. „Ænæ Lithi“ entfaltet eine melancholische, fast folkloristische Tönung, wie ein Echo aus der Vergangenheit, das sich in die Gegenwart drängt.
Die (Gast-)Vocals von Sakis Tolis (ROTTING CHRIST) bilden in „I, The Deceit“ einen markanten, ja gar schroffen Gegenpol zu Kalavrezous Stimme, ohne sie zu dominieren, ein grandioses Duett als Dialog zweier ästhetischer Welten: erdig, schroff auf der einen, introspektiv und fragil auf der anderen Seite. Das rhythmische Fundament bleibt dabei bewusst organisch, der Bass tief und drückend, das Schlagzeug roh, fast ungeschönt, die Gitarre rau – als wolle die Band jede Form von Glättung vermeiden. Gitarren dürfen scheuern, Drums atmen, der Bass zittern, die Vocals wirken nah und verletzlich, vereinzelt dramaturgisch mit Hall versehen, ohne ihre Intimität zu verlieren. Gerade durch diese ‚Unvollkommenheit‘ der Produktion entfaltet das Album eine intensive Sogwirkung: Man hört nicht nur zu, man wird hineingezogen, gezwungen, sich den aufgeworfenen inneren Bildern und Emotionen zu stellen.

Fazit:
Héréditaire ist ein introspektives Werk von großer emotionaler Tiefe. UNVERKALT gelingt es, fragile Intimität, weite Klanglandschaften, melancholische Schwere und aggressive Wucht zu einem stimmigen Ganzen zu verweben. Die Kontraste sind gekonnt ausbalanciert und verleihen dem Album eine nachhaltige Intensität. Wer in Musik nicht nur beiläufige Beschallung sucht, sondern Impulse für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit inneren und kollektiven Schatten, findet in Héréditaire einen dunklen Spiegel, der lange nachhallt und dessen Bilder sich erst mit der Zeit vollständig erschließen.
Punkte:
Autor: distelsøl
