Band: PRIMORDIAL WOODS
Album: Icore
Genre: Atmospheric Black Metal
Trackliste:
01. Ode al soliloquio
02. Invaliditas Boni Indomiti
03. Nix
04. Memento Essentia
05. Extremum Calidum Ventus
06. Icore
07. Something in the Way (Nirvana Cover)

Unter dem Namen PRIMORDIAL WOODS veröffentlicht Nicholas „Senon“ Gubinelli bereits sein zweites Studioalbum mit dem klingenden Namen Icore. Wie schon beim Erstling De Rerum Natura aus dem Jahr 2023 übernimmt er auch hier wieder alle Instrumente und schafft es, durch geschickt gesetzte Harmonien in Verbindung mit verspielten Klanglandschaften und brachialer Härte ein einzigartiges Klangbild zu erzeugen, das von epischer Traurigkeit geprägt ist und den Hörer auf eine Reise zum eigenen Sein mitnimmt.
Bereits der Opener „Ode al soliloquio“ (zu Deutsch Ode an das Selbstgespräch) macht dies deutlich. Der Track startet mit gesprochenen Textelementen vor einem metallischen Soundteppich und einem traurigen Klavierinterludium. Auch die italienische Erzählung selbst, die von tiefer Einsamkeit zeugt, wird hier spürbar, bevor die Nummer fast ruckartig in den eigentlich ersten Track „Invaliditas Boni Indomiti“ überleitet – eine musikalisch durchdachte und hervorragend umgesetzte textliche Aufarbeitung von Selbstzweifeln und Einsamkeit.
Neben der wunderschönen epischen Melodieführung, den verspielten und durchdachten Gitarrenparts sowie den geschickt gebauten Spannungsbögen überzeugt der Track durch seine Tiefe und das starke Riffing. Lediglich der Drumcomputer hätte sparsamer eingesetzt und das Mastering dem Thema entsprechend etwas klarer gehalten werden können.
Das über zehnminütige Folgeepos „Nix“ setzt den eingeschlagenen Weg fort, wenn auch nicht ganz so tieftraurig und düster. Nach einer langen instrumentalen Einleitung und ausgedehntem Sprechgesang – den man durchaus kürzer hätte halten dürfen – erzählt der Track eine Geschichte von Selbstfindung, Vergänglichkeit, Neuanfang und Umbruch. Die hervorragend zum Thema passenden Soundlandschaften verstärken die epische Wirkung zusätzlich. Auch Riffing und Basslinien kommen nicht zu kurz, obwohl „Nix“ der wohl am wenigsten technische Track der Platte ist.
Weibliche Unterstützung gibt es in „Memento Essentia“, einem weiteren, rund neunminütigen Epos und zugleich der wohl verspieltesten und melancholischsten Nummer von Icore. Besonders das ruhige Tempo und die epische Schwere stechen hervor. Instrumental hat sich Senon auch hier nicht lumpen lassen: einfaches, aber stimmiges Riffing, wunderschöne Klaviermelodien und ein hervorragend gesetztes Solo machen den vierten Track zu einer verspielten und willkommenen Ruhepause im bislang epischen, aber insgesamt recht rauen Albumkontext.
Der rein instrumentale Break „Extremum Calidum Ventus“, der Undurchdringlichkeit und Tiefe verspricht, führt direkt zum Herzstück des Releases – dem titelgebenden Track „Icore“. Eine Nummer, die fesselt, erstaunt und gleichermaßen bestürzt. Trotz Härte, dichter Atmosphäre und verspielter Songstruktur transportiert sie pure Traurigkeit und den Weg zum eigenen Selbst. Dies geschieht weniger durch Riffs oder gut verständliche Lyrics, die von Selbstfindung, Schmerz und innerem Weg erzählen, sondern vor allem durch eine einzigartige Melodieführung, harmonische Tiefe und den Wechsel zwischen Midtempo und basslastiger Schwere. Hinzu kommt eine markante Stimme, die kraftvoll zwischen halb-gutturalen Elementen, Shrieks und Growls pendelt und wirkt, als würde sie hundert Jahre Schmerz aus der Seele schreien. Mehrere hervorragend gesetzte Soli runden die Nummer ab und leiten in eine instrumentale Explosion über, die den Track schließlich ausklingen lässt.
Beim Closer, dem epischen Nirvana-Cover „Something in the Way“, wird der Drumcomputer schließlich zum Verhängnis. Der Track baut sich zwar großartig auf und glänzt durch Nicholas’ einzigartiges Gespür für Melodien, verliert jedoch viel Potenzial durch das deutlich hörbare Drumming aus der Steckdose – obwohl Riffing und Soundbild an sich hervorragend umgesetzt sind.

Fazit:
Icore ist ein zutiefst persönliches, emotional schweres Album, das weniger über technische Brillanz als über Atmosphäre, Melodieführung und innere Tiefe funktioniert. Nicholas „Senon“ Gubinelli gelingt es, epische Traurigkeit, Einsamkeit und Selbstreflexion in ein schlüssiges Klangbild zu gießen, das den Hörer nicht unterhält, sondern fordert und mitnimmt. Die Stärke der Platte liegt eindeutig in ihren Melodien, den verspielten Klanglandschaften und der konsequent durchgezogenen Stimmung. Gleichzeitig zeigen sich Schwächen dort, wo der Drumcomputer zu präsent wird und dem emotionalen Gewicht einzelner Tracks hörbar im Weg steht.Trotz dieser Einschränkungen bleibt Icore ein intensives, ehrliches Release, das durch seine Authentizität, seine emotionale Konsequenz und das starke titelgebende Herzstück überzeugt – ein Album für ruhige Momente, dunkle Gedanken und Hörer, die Tiefe über Perfektion stellen.
Punkte:
Autor: Nicki
