ENTGEIST – Welk (2026)

Band: ENTGEIST
Album: Welk
Genre: (Post)-Black Metal

Trackliste:
01. Am Rande der Finsternis
02. Gefangen in der Zeit
03. Auserzählt
04. Imperfektion
05. Lethargie weicht Wut
06. Fatigue
07. Fassade
08. Ein Flammenmeer
09. Verwelkt
10. Funkenspiel

ENTGEISTWelk

Die Heilbronner Großmeister des Postblack Metals sind zurück. Nach langer Pause, denn das letzte Studioalbum Res Gestae der 4 Jungs, die seit 2013 gemeinsam für Erstaunen, Verwirrung und Begeisterung gleichzeitig sorgen und für deren einmaligen Stil die Bezeichnung Postblack Metal auch nur bedingt passen will, liegt doch schon vier Jahre zurück. Nun springen sie mit ihrem neuesten Brecher Welk in die Bresche und zeigen erneut, was musikalisch und songwritingtechnisch möglich ist, wenn man seine Hausaufgaben macht.

Postblack gibt’s ja viel, und auch Metalcore- oder Blackened-Death-Einschläge sind in dem derzeit so beliebten Subgenre nichts mehr Neues – schwierig also, sich hier eine gewisse Individualität und trotzdem Härte beizubehalten. Nicht so bei Welk, denn schon der Opener „Am Rande der Finsternis“ des insgesamt 10 Track starken Longplayers wartet mit einzigartigem und für die Jungs typischem, disharmonisch klirrendem und bissigem Riffing, wunderschönen Melodiebögen und dennoch infernalisch bösem Gekeife auf, das weit weg von jeder Verspieltheit ist. So entsteht schon beim Opener, der ruhig und fast schon lieblich mit verträumtem Gitarrenpart beginnt, spätestens nach dem ersten 350er-Blast und dem hervorragenden Solo ab der Mitte, das Gefühl einer gewissen Schwere und Melancholie und trotzdem eisigen Härte.

ENTGEIST lebt seit jeher nach dem Motto, dass sich Gegensätze wohl anziehen – so auch beim zweiten Track „Gefangen in der Zeit“, der wieder bissig und in gewaltigem Marschtempo daherkommt, was an die Klassiker des Genres, wie EMPEROR oder BEHEXEN, denken lässt. Achtung! Hier reden wir wirklich nur vom Marschtempo und der Schwere, denn so leicht lässt sich auch der Track nicht vergleichen. Spielt er doch mit dem ein oder anderen verspielten Soundelement und dem Wechsel aus typisch blackiger Spannung und eisenhart deathigem Geknüppel. Selbstverständlich bleiben das klirrend eisige Gekeife, das für die so besondere Atmosphäre sorgt, sowie die hervorragenden Leads zu jeder Sekunde erhalten. Als Kurzbeschreibung könnte man für „Gefangen in der Zeit“ und auch den folgenden Brecher „Auserzählt“ wohl festhalten, dass Fans von EMPEROR, DARK FUNERAL und WATAIN die Nummern ebenso lieben werden wie jene, die eher auf der postigen Seite, à la AUSTERE, HERETOIR oder HARAKIRI FOR THE SKY unterwegs sind oder auch den einzigartigen Flair von DISSECTION schätzen. Wobei auch Fans von epischem Riffing und extravaganter Gitarrenarbeit, wie es die Urväter des Heavy Metals seinerzeit perfektioniert haben, nicht zu kurz kommen werden.

Ganz vorsichtig sollte man auch beim vierten Track der Platte sein, denn ebenso wie bei seinen drei Vorgängern bleibt bei „Imperfektion“ nur zu schreiben, welche Stimmungen ähnlich wirken könnten. Auch diese Nummer bringt wieder einen ganz eigenen, melancholisch tiefgründigen und schweren, wenngleich verspielten Flair mit und bringt durch ihre fast schon metalcoreig anmutenden Elemente einen eigenen und individuellen Sound mit sich, der sich am ehesten noch mit der ein oder anderen Nummer der Würzburger Postblacker von DAGDRØM vergleichen lässt.

Bei „Lethargie weicht Wut“ ist der Name Programm. Die wohl musikalisch stärkste Nummer der Platte beginnt mit starken und fast schon feierlich anmutenden Leads, wechselt in eine schwere, doomige Melodieführung und Midtempo-Schwere, die von dem anfänglich gespielten Gitarrenteil unterlegt wird – bevor sie nach einer weiteren aufwendigen Gitarrenbridge in einen mächtigen Blast und gewaltiges Marschtempo ausbricht und die lethargisch melancholischen Vocals in wütendes Gekeife schwenken. Ein Track, der durch seinen individuellen Aufbau und den unerwarteten Stimmungswechsel überzeugt und punktet.

Leicht betröppelt und tatsächlich etwas müde wird man dann beim rein instrumentalen Interlude „Fatigue“, das offensichtlich die Aufgabe haben soll, die Brücke zu den Folgetracks zu schlagen. Kann man machen – bereitet aber nur bedingt auf das vor, was die Nummer 7, „Fassade“, mit sich bringt. Weniger postig, mehr klassisch blackig, aber mit modernem Soundbild rast die pfeilschnelle Nummer dahin und baut ihren Spannungsbogen nicht, wie ihre Vorgänger, über die Wechsel im Takt und Tempo auf, sondern bleibt bei klassischen Mustern und unterbricht sich selbst immer wieder durch den ein oder anderen Break. Das ist im Kontext und besonders nach dem instrumentalen Interlude schlüssig, wirkt jedoch im Gegensatz zu den bisherigen Tracks eher schwächer und bringt besonders durch das überlange, ruhige Instrumental-Interlude eine gewisse Disharmonie und Unstimmigkeit in die bisher gewaltige Songstruktur. Hier wird allerdings auf verdammt hohem Niveau gemeckert, denn dieser Punkt ist absolute Geschmackssache und wird bei manchen wohl das Gefühl der Unstimmigkeit und bei anderen einen willkommenen Effekt der Ruhe und kurzen Verschnaufpause auslösen.

Melancholisch und trotzdem black-deathig, fast im Stile von THULCANDRA, wenn man unbedingt einen Vergleich ziehen will, geht’s in „Ein Flammenmeer“ weiter. Eine Nummer, die neben der starken Gitarrenarbeit zusätzlich mit schwerer, fast schon deathiger Basslinie und großartigem Songaufbau zwischen Schwere und Dramatik aufwartet. Nochmal episch, wenn auch nicht ganz so gewaltig wie in „Ein Flammenmeer“, geht’s im vorletzten Track der insgesamt gewaltigen Platte weiter.

„Verwelkt“ wartet wieder mit großartiger Melodieführung, hervorragenden Leads und einmaliger Atmosphäre auf. Die Nummer lässt sich wohl als die klassisch blackigste Nummer der Platte bezeichnen, denn hier findet man weniger der aufwendigen Soli und verspielten Harmonien, stattdessen aber Reiterriffs, Hyperblasts und das ein oder andere Tremolo, was nochmal eine willkommene Abwechslung und Stimmungskurve bietet, ohne den roten Faden zu verlieren, und sich dennoch stimmig in den Albumkontext fügt.

Bei „Funkenspiel“ fragt man sich nach all der Dramaturgie dann doch mal kurz, was jetzt los ist, denn eröffnet wird die brachial starke und wieder eher black-deathig angehauchte Nummer mit einem spanischen Gitarrensound, der eher an Urlaubsfeeling erinnert. Mit Urlaub ist es dann aber auch gleich mal vorbei, denn nach dieser unerwarteten Eröffnung ballert der Track aus vollen Rohren mit gewaltigem Blast, disharmonisch giftigem Riffing und infernalischem Gekeife, das alles von den starken Leads unterlegt und einer gewaltig wummernden Basslinie getragen wird. Ein Closer, der erst mal erstaunt, dann begeistert und den Hörer am Ende fassungslos und mit Bock auf mehr zurücklässt.

Fazit:
Unterm Strich liefern ENTGEIST mit Welk einen 10 Track starken Brecher ab, der sich zwischen Postblack, Blackened Death, melancholischer Schwere und eisiger Raserei bewegt, ohne sich jemals wirklich festnageln zu lassen. Die Platte ist episch, aber nie übertrieben, mächtig, aber nie überinszeniert, melancholisch, aber nicht wehleidig, und individuell genug, um in einem mittlerweile völlig überlaufenen Genre nicht nur aufzufallen, sondern nachhaltig hängen zu bleiben. Wer modernen Black Metal mit Tiefgang, starken Leads, giftigem Gekeife, gewaltiger Atmosphäre und genug Eigenständigkeit sucht, um nicht nach drei Songs schon zu wissen, wohin die Reise geht, kommt an Welk kaum vorbei. ENTGEIST zeigen hier eindrucksvoll, dass Postblack auch 2026 noch überraschen und begeistern kann, ohne dabei poppig oder abgedroschen zu wirken.

Punkte:

Autor: Nicki