Band: SAOR
Album: Caledonia
Genre: Atmospheric Folk/Black Metal
Label: Season Of Mist
Trackliste:
01. Aura MMXXVI
02. The Awakening MMXXVI
03. Carved in Stone MMXXVI
04. Hearth MMXXVI
05. Tears of a Nation MMXXVI

Was macht man als Musiker, wenn die eigenen frühen Alben inzwischen mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel haben? Man könnte sie ruhen lassen. Man könnte sie remastern. Oder man nimmt gleich fünf Stücke noch einmal komplett auseinander und baut sie mit den Möglichkeiten des Jahres 2026 neu zusammen. Andy Marshall, Mastermind von SAOR, hat sich für die dritte Variante entschieden. Caledonia versammelt fünf Kompositionen aus den Alben Roots, Aura und Guardians und stellt ihnen die Erfahrung und das technische Handwerkszeug gegenüber, die SAOR inzwischen gesammelt hat.
Die naheliegende Frage lautet dabei zunächst: Braucht man das eigentlich? Aus alt mach neu? Bei Caledonia zeigen die ersten Höreindrücke allerdings, dass Marshall seine frühen Stücke nicht einfach auf Hochglanz poliert hat. Die Neuaufnahmen gewinnen deutlich an Volumen und Körperlichkeit, gleichzeitig steigt die Transparenz. Schlagzeug und Gitarren bilden ein mächtiges, vom Black Metal geprägtes Fundament, während sich die einzelnen Schichten deutlich besser voneinander unterscheiden lassen. Gerade die folkloristischen Instrumente profitieren davon. Fidel, Dudelsack und Flöten stehen nicht dekorativ am Rand des Geschehens, sondern tragen immer wieder die zentralen Melodien. Sie funkeln aus der schweren Gitarrenwand hervor, setzen Gegenpunkte zu den harschen Vocals und geben den Kompositionen jene melodische Eigenständigkeit, die SAOR von gewöhnlichem Atmospheric Black Metal unterscheidet. Die neue Produktion macht hörbar, wie sorgfältig diese Ebenen ineinandergreifen. Was auf den frühen Aufnahmen gelegentlich im flachen Sound verloren ging, besitzt nun seinen festen Platz.
Besonders schön funktioniert das bei den Vocal-Harmonien. Sie gehören seit jeher zu Marshalls markanten Stilmitteln, rücken auf Caledonia aber wesentlich stärker ins Rampenlicht. Die zusätzlichen Stimmen erweitern die Stücke, ohne ihnen den metallischen Kern zu nehmen. Mehr noch, bilden sie zu den doch stärker im Black Metal-Stil als ursprünglich gebotenen harschen Vocals einen schönen Kontrast.
Doch genau diese Präzision ist nicht nur ein Geschenk. Sie ist auch ein ziemlich gnadenloser Scheinwerfer. Wenn die Produktion jede Gitarrenschicht, jede Flöte und jede Stimme sauber ausleuchtet, lassen sich auch kompositorische Schwächen entdecken. Die Dynamik ist bereits aufgebaut, die große Melodie steht – und dann läuft sie eben weiter, die Progression verebbt. Gerade wenn wie bei SAOR die Stücke von ihrer Länge und ihrem Aufbau ohnehin stark auf große Bögen setzen, fällt das auf. Eine Wiederholung kann Spannung verdichten, wenn sie auf eine neue Wendung zuläuft. Bleibt diese Wendung aus, bleibt schlicht ein langer Atem übrig. Caledonia macht solche Stellen hörbarer als die frühen Aufnahmen. Die neue Klarheit verbessert also nicht nur das Klangbild, sie verändert auch den Blick auf das Songwriting.

Fazit:
Die Neuaufnahmen sind interessanter, als ein bloßes „besser produziert“ vermuten lässt. SAOR zeigt hier, wie viel Substanz in seinen frühen Kompositionen steckt, aber ebenso, wo deren Grenzen liegen. Die neue Fassung kann ihnen mehr Körper, Transparenz und epische Wirkung geben; sie kann jedoch keine musikalische Entwicklung nachträglich in eine Passage hineinproduzieren, die diese Entwicklung ursprünglich nicht hatte. Brauchte es Caledonia also wirklich? Wahrscheinlich nicht. Die alten Alben sind schließlich nicht plötzlich unhörbar geworden. Aber nach diesen fünf Neuinterpretationen gibt es keinen Grund, sich darüber zu ärgern, dass Marshall die Finger nicht von seiner Vergangenheit lassen konnte. Für Fans der jüngeren SAOR-Alben ist das eine ausgesprochen überzeugende Rückkehr zu den Wurzeln. Wer die frühen Aufnahmen gerade wegen ihrer raueren Atmosphäre liebt, dürfte dagegen die charmante schottisch-raue Widerspenstigkeit vermissen.
Und doch: SAOR machen einfach schöne Musik.
Punkte:
Autor: distelsøl
