Band: GLEICHMACHER
Album: Exil
Genre: Black Metal
Trackliste:
01. Opfer Ains
02. Exil
03. Palingenese
04. Epopteia – Die Eingeweihten
05. Epopteia – Knochenmonument
06. Triumph

Es gibt Rückzüge, die nach Flucht aussehen und doch etwas anderes sind. Ein Abstreifen. Ein Verschwinden aus der Welt. Ein Rückzug in das Innere, Innehalten, Reflexion. GLEICHMACHER scheinen auf Exil diesen Weg zu beschreiten: Das Exil klingt weniger wie Entfernung, als vielmehr die Konzentration auf einen inneren Vorgang. Die Musik folgt diesem Gedanken erstaunlich konsequent. Sie zieht sich zurück, verschließt Türen, lässt kaum Licht herein und beginnt dort, wo nichts mehr bleibt, aus den eigenen Trümmern eine neue Form zu suchen. Doch die versprochene Wiedergeburt ist keine radikale Neuerfindung. Sie vollzieht sich innerhalb eines eng gezogenen musikalischen Rahmens.
Dieses Exil ist kein stiller Ort. Die Gitarren schieben sich übereinander, schneiden in die Dunkelheit und kehren immer wieder zu Motiven zurück, die sich unter veränderten Bedingungen neu lesen lassen. Das Schlagzeug hält die Bewegung in Gang, ohne ständig neue Geschwindigkeitswelten aufzureißen. GLEICHMACHER verändern nicht fortwährend die Richtung; sie verändern den Druck innerhalb derselben Richtung. Ihre Musik lebt von Verdichtung und Entspannung, von Überlagerungen, kleinen Verschiebungen und plötzlich freiliegenden melodischen Linien. Was zunächst wie ein gleichförmiger Strom erscheint, überrascht bei genauerem Hinhören im zahlreiche Variationen und Mikroveränderungen. Exil ist abwechslungsreicher, als eine erste Begegnung vermuten lässt. Die Band arbeitet mit zahlreichen Veränderungen in Gitarrenführung, Verdichtung und Arrangement, lässt Motive wiederkehren und verschiebt ihre Gewichte. Große Tempobrüche oder spektakuläre dynamische Sprünge sind dagegen selten. Die Bewegung entsteht vor allem innerhalb der einzelnen musikalischen Ebenen. Das verleiht dem Album eine gewisse Geschlossenheit, führt über die gesamte Spielzeit aber auch zu einer klanglichen Gleichförmigkeit. Vieles verändert seine Gestalt, ohne seine grundlegende Sprache abzulegen, die Veränderungen bleiben weitgehend innerhalb eines sehr eng abgesteckten Raumes. Die Musik zerfällt nicht, sie stürzt nicht ab, sie wagt selten den wirklichen Bruch.
Auch die Produktion trägt dazu bei: laut, kompakt, dicht, aber was fehlt ist Körperlichkeit und Wucht. Intensität entsteht aus der Beharrlichkeit, mit der GLEICHMACHER ihr Material bearbeiten. Es ist ein permanentes Umformen, kein radikales Zerreißen, keine dramaturgische Dynamik. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Exil: Der Rückzug ins Innere, die Selbstreflexion und Wiedergeburt geschieht nicht als plötzliche Erleuchtung. Sie ist mühsamer. Etwas wird zerlegt, betrachtet, erneut zusammengesetzt und wieder verworfen. In „Epopteia – Die Eingeweihten“ erreicht dieser Prozess seinen stärksten Moment: Die Musik öffnet für kurze Zeit einen größeren Raum, nimmt sich zurück, sammelt Spannung und findet anschließend mit neuer Schärfe zurück. Hier wird aus Veränderung tatsächlich Entwicklung, aus Rückzug ein möglicher Übergang.
Doch die Dresdner gehen diesen letzten Schritt nicht vollständig. GLEICHMACHER beherrschen die Variation, doch nicht jede Variation wird zur Entwicklung. Gerade darin liegt Stärke und Schwäche zugleich: Der Rückzug nach innen erzeugt eine dichte, eigenständige Atmosphäre – doch für den endgültigen Schritt in die Weiterentwicklung, Neuschaffung und Transzendenz fehlt an manchen Stellen noch der Mut oder die Bereitschaft, den vertrauten Raum wirklich hinter sich zu lassen. Ihre Transzendenz bleibt an die Grenzen ihres eigenen Klangraums gebunden. Vielleicht ist das die konsequente Wahrheit dieses Albums: Wer lange genug im Exil lebt, erschafft sich nicht zwangsläufig neu. Manchmal lernt er nur, die eigenen Ruinen anders zu betrachten.

Fazit:
Die Dresdner von GLEICHMACHER bewegen sich durch einen finsteren Black-Metal-Kosmos, der von Aggression, Melancholie und einer konstanten inneren Unruhe geprägt ist. Es ist Musik, die sich nach innen wendet, ohne dabei ihre Schärfe zu verlieren. Exil ist ein dichtes, finsteres und eigenwillig geschlossenes Album. Keine Flucht aus dem Bekannten, eher dessen langsame Verwandlung. Noch keine Wiedergeburt – aber der Versuch, aus dem, was vom Alten übrig blieb, einen neuen Körper zu formen.
Punkte:
Autor: distelsøl
