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Interview mit Hæresis

24. Februar 2026 Interviews

  1. Wie würdet ihr euren Sound jemandem beschreiben, der euch noch nie gehört hat?

    Düsterer, intensiver Black Metal, der nicht nur auf Aggression, sondern stark auf Atmosphäre, Spannung und emotionale Verdichtung setzt. Unsere Musik ist nicht auf Geschwindigkeit oder Härte um ihrer selbst willen ausgerichtet, sondern auf das Erzeugen eines Zustands, etwas, das sich langsam aufbaut, einen hineinzieht und nicht sofort wieder loslässt.
    Auf Si Vis Pacem Para Bellum ist dieser Ansatz noch einmal stärker ausgeprägt. Der Sound ist sehr geprägt durch die Zusammenarbeit mit Daniel bei Lichtlaerm Audio und durch das Mixing und Mastering von Dave Otero. Er ist dicht und dunkel, arbeitet viel mit Schichtung, mit Räumen und Texturen und versucht, diese kalte, düstere Grundstimmung organisch mit Synths und filmischen, fast cinematischen Elementen zu verbinden, ohne dass es künstlich oder dekorativ wirkt.
  2. Welche Bands oder Künstler haben euch musikalisch am stärksten geprägt?

    Alle von uns bringen sehr unterschiedliche Einflüsse mit. Daniel ist stark geprägt von der Kompromisslosigkeit in Sound und Haltung von Bands wie NEUROSIS. Christin eher von der emotionalen Direktheit und der rohen Intensität des belgischen Metals, zum Beispiel WIEGEDOOD oder OATHBREAKER. Schütte kommt deutlich mehr aus einer klassischen, dreckigeren Ecke, mit Bands wie VENOM oder ähnlichem frühen Extreme Metal.
    Daniel ist Mitglied bei HÆRESIS sowie bei Lichtlaerm Audio, was seine Perspektive auf Sound, Produktion und Struktur stark prägt. Gerade diese Unterschiedlichkeit ist für uns produktiv. Sie verhindert, dass wir uns zu klar in einem Stil verorten, und hält den Sound offen und in Bewegung.
  3. Wie entsteht bei euch ein Song – wer bringt die ersten Ideen ein, wie läuft der Prozess ab?

    In der frühen Phase entstehen die Songs hauptsächlich bei Daniel im Lichtlaerm Studio. Daniel schreibt selbst die meisten Riffs, es gibt aber auch Parts, die in gemeinsamen Jams entstehen. Viele Ideen entstehen aus Skizzen, Klangvorstellungen und Fragmenten, die Daniel mit sich herumträgt und dort ausarbeitet.
    Diese Skizzen nehmen wir dann gemeinsam auseinander und setzen sie neu zusammen. Texte und Musik entstehen dabei nicht nacheinander, sondern sehr eng miteinander verflochten. Wir flechten diese beiden Stränge immer wieder zusammen, lösen sie wieder auf, verschieben, verdichten und verwerfen, bis Ton und Wort genau die Atmosphäre erzeugen, die uns vorschwebt.
  4. Welche Rolle spielt Live-Performance im Vergleich zum Studio-Arbeiten?

    Das sind für uns zwei sehr unterschiedliche Arten, unsere Musik zu leben. Das Studio ist der Ort von Ordnung, Durchdachtheit und Detailarbeit. Dort kontrollieren, schichten und formen wir sehr bewusst.
    Live findet sich diese Präzision zwar wieder, aber in einer anderen Übersetzung. Unsere Live-Performance ist stärker von Reduktion geprägt, Dunkelheit, wenige gezielte Lichtakzente, viel Nebel und ein konzentrierter Raum, der weniger erklärt als andeutet. Es geht weniger um Darstellung als um das Erzeugen einer dichten, gemeinsamen Situation.
  5. Was wollt ihr mit eurer Musik beim Hörer auslösen oder transportieren?

    In erster Linie ist unsere Musik ein Spiegel unserer inneren Welten. Wir bringen sehr unterschiedliche innere Zustände, Erfahrungen, Ängste, Widersprüche und Haltungen mit, die wir gemeinsam zu etwas Größerem verweben.
    Was daraus entsteht, wird von den Zuhörenden sehr unterschiedlich gelesen und interpretiert, und genau das ist wichtig für uns. Es entsteht ein weiter Bedeutungsraum, kein festgeschriebener Sinn. Wenn wir eine Intention benennen würden, dann die, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Dunkelheit, aber auch mit den politischen und gesellschaftlichen Themen, die uns beschäftigen und nicht loslassen.
  6. Wie seht ihr die Entwicklung eurer lokalen Szene in den letzten Jahren?

    Black Metal hat seit jeher das Problem, ein Resonanzraum für rechte, reaktionäre und autoritäre Ideologien zu sein, weit über das hinaus, was man klassisch als NSBM bezeichnet. Gerade in Zeiten eines weltweiten Rechtsrucks und erstarkenden Populismus ist es notwendig, diese Tendenzen ernst zu nehmen und nicht zu verharmlosen.
    Es braucht Wachsamkeit, Haltung und aktive Awareness dafür, welcher Schmutz sich immer wieder in diese Szene einschleicht. Es geht darum, sich gegenseitig im wahrsten Sinne des Wortes die Hände zu reichen und die Szene klar und stabil gegen Rechtsoffenheit und menschenfeindliche Ideologien zu positionieren. In Berlin mag das an manchen Stellen einfacher sein als in ländlicheren oder konservativeren Regionen. Gerade dort ist antifaschistische Arbeit besonders wichtig.
  7. Welche Bedeutung haben für euch Texte und Themen – sind sie zentral oder eher nachgelagert zur Musik?

    Eine absolut zentrale. Wie schon im Songwriting-Prozess beschrieben, entstehen Musik und Texte untrennbar miteinander. Es wäre für uns unvorstellbar, diese Bühne und diesen Kanal nicht inhaltlich zu nutzen.
    Auf Si Vis Pacem Para Bellum behandeln wir zum Beispiel den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und haben dafür zwei ukrainische Gastvokalistinnen eingeladen. In „Eradicate Taciturnity“ geht es um patriarchale Gewalt und um die Mittäterschaft durch Wegsehen, Schweigen und Enthaltung. Uns interessiert nicht, belanglose Inhalte zu reproduzieren, sondern Themen sichtbar zu machen, die real, schmerzhaft und politisch sind.
  8. Wenn ihr ein Festival kuratieren dürftet: Welche drei Bands müssten unbedingt spielen?

    WIEGEDOOD, NEUROSIS und BLUT AUS NORD.
  9. Ihr habt euch 2016 als HEKSENHAMER gegründet, wie kam’s zur Namensänderung?

    Ausschlaggebend waren sowohl Veränderungen im Line-up als auch die Erkenntnis, wie unpassend dieser Name für eine damals ausschließlich männlich besetzte Band war. Er transportierte etwas, das wir weder ästhetisch noch inhaltlich weitertragen wollten.
    Der neue Name markiert diesen Bruch bewusst.
  10. Mit dem Namen hat sich auch euer Stil geändert. War diese Entwicklung bewusst oder entstand sie durch Zufall?

    Ja, sie war bewusst. Auch unsere früheren Veröffentlichungen klingen anders als das, was wir heute machen. Erst mit dem seit 2018 weitgehend stabilen Line-up wurde es überhaupt möglich, einen Sound zu entwickeln, in dem wir uns alle wiederfinden. Diese Entwicklung war kein Zufall, sondern ein Prozess von Klärung, Reibung und gemeinsamer Entscheidung.
  11. Euer Album Si Vis Pacem Para Bellum kam im Oktober 2025 raus. Wie würdet ihr das Konzept oder die Grundidee dieses Albums beschreiben?

    Si Vis Pacem Para Bellum ist kein Album über Krieg im klassischen, rein militärischen Sinn. Es ist ein Album über die Logik von Gewalt selbst, darüber, wie sie sich rechtfertigt, wie sie normalisiert wird, wie sie sich in Sprache, Politik, Religion, Körper und Beziehungen einschreibt.
    Es geht um imperiale Aggression und organisierte Gewalt ebenso wie um deren ideologische Legitimierung. Um die zerstörerische Macht religiöser und nationalistischer Erzählungen. Um Entfremdung, um das Gefühl, in Systemen zu leben, die man weder kontrollieren noch verlassen kann, und die dennoch permanent in einen eingreifen.
    Der Titel ist bewusst ambivalent. Er benennt nicht nur eine historische Maxime, sondern entlarvt sie als das, was sie ist, eine zynische Formel zur Rechtfertigung von Aufrüstung, Abschottung und Gewalt, die sich bis heute fortschreibt, nach außen wie nach innen.
  12. Auf dem Album behandelt ihr laut Ankündigungen Themen wie „post-moderner Entfremdung, die zerstörerische Macht organisierter Religion und imperiale Aggression“. Passt ihr den Sound der Nummern an die Lyrics an oder umgekehrt?

    Es ist ein sich gegenseitig bedingender Prozess. Wir arbeiten sehr detailliert und sehr lange an beiden Ebenen. Wir verändern Riffs wegen einzelner Wörter, wir verändern Texte wegen einzelner Betonungen, wir verschieben Silben, Tempi, Dynamiken, bis beides ineinandergreift. Erst wenn Ton, Wort und Rhythmus gemeinsam tragen, ist ein Stück für uns fertig.
  13. Euer Sound wird in den Medien als Mischung aus Black Metal, atmosphärischen Elementen und Post-Metal beschrieben. Wie gelingt euch die Balance zwischen roher Black-Metal-Energie und atmosphärischer Tiefe?

    Indem wir Dingen Zeit geben, sich zu entfalten, was man auch an der Länge unserer Songs erkennt. Synths spielen eine wichtige Rolle für die atmosphärische Dichte und der Sound von Lichtlaerm prägt diese Weite und diesen Aufbau sehr stark.
    Gleichzeitig ist es gerade das Schlagzeug, das für Brüche, Kontraste und Erdung sorgt. Diese Spannung zwischen Fläche und Schnittstelle, zwischen Fließen und Zerstören, ist zentral für unseren Sound.
  14. Euer Songtitel „I Who Repel All Light“ (Track auf dem neuen Album) spricht eine starke Bildsprache. Welche Bedeutung steckt für euch hinter diesem Titel?

    Der Titel beschreibt eine bewusste Verweigerung gegenüber falschem Trost, schnellen Erklärungen und einfacher Erlösung. Es geht um das Aushalten der Dunkelheit, ohne sie sofort transzendieren, aufzulösen oder zu heilen.
    Der Song bewegt sich durch Zustände von Isolation, innerer Leere und existenzieller Kälte, ohne sie zu romantisieren. Er stellt die Frage, was bleibt, wenn man sich allen Illusionen entzieht, und ob genau darin eine Form von radikaler Ehrlichkeit liegt.
  15. Eure Live-Shows werden als dicht, intensiv und atmosphärisch beschrieben. Gibt es ein besonderes Ritual oder eine visuelle Komponente, die euch wichtig ist, wenn ihr auf der Bühne steht?

    Kein Ritual im klassischen Sinn. Wir arbeiten sehr gezielt mit Nebel, um eine dichte, raumhafte Atmosphäre zu erzeugen. Die Lichtshow ist komplett auf das Set programmiert und ein integraler Bestandteil der Performance. Sie ist nicht dekorativ, sondern strukturell mit der Musik verbunden.
  16. Ihr habt ein Split-Release mit KRÄTT im Dezember 2021 (Z 3/12) gemacht. Was habt ihr aus dieser Zusammenarbeit gelernt – musikalisch oder organisatorisch?

    Wir haben damals den Proberaum geteilt, Schütte spielte in beiden Bands, und wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Der Split war ein organisch gewachsenes Projekt unter Freund*innen. Wir haben gelernt, wie produktiv Nähe, Vertrauen und gemeinsame Zeit für kreative Prozesse sein können.
  17. Wenn ihr in einem Satz die Essenz von Hæresis beschreiben müsstet – wie würde dieser lauten?

    Der Name HÆRESIS verweist auf das griechische haíresis, die bewusste Wahl, die Abweichung von der vorgegebenen Lehre. In diesem Sinn ist HÆRESIS der Versuch, sich nicht einzuordnen, sondern Position zu beziehen.

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