Band: DAWN OF A DARK AGE
Album: Ver Sacrum
Genre: Atmospheric/Experimental Black Metal
Label: My Kingdom Music
Trackliste:
01. Il Voto Infranto (L’Ira Di Mamerte)
02. Il Consiglio Degli Anziani (L’Oracolo)
03. Il Rito Della Consacrazione
04. Venti Anni Dopo: La Partenza (Nascita Della Nazione Sannita)

DAWN OF A DARK AGE ist das ambitionierte Projekt des Italieners Vittorio Sabelli, das seit 2014 die Grenzen zwischen Avantgarde‑Black‑Metal, Folk und Doom auslotet. Statt auf bloße Härte setzt er auf erzählerische Klangwelten, in denen alte Mythen, rituelle Bilder und sakrale Atmosphären verschmelzen und – nicht zuletzt – auf die Klarinette (!) als Fremdkörper und Zentrum zugleich. Das im Dezember 2025 erschienene Ver Sacrum ist bereits das neunte Album und will diesen Ansatz fortführen.
Schon „Il Voto Infranto (L’Ira di Mamerte)“ setzt den Ton. Orchestrale Fragmente und folkloristische Motive wirken wie Markierungen in einem rituellen Ablauf. Die Gitarren bleiben erdig, fast spröde, während die Erzählung sich Schicht für Schicht freilegt. Nichts drängt nach vorne. Zurückhaltung, die Spannung aufbaut und einlädt. Mit „Il Consiglio degli Anziani (L’Oracolo)“ ist die Einladung aber gleich einmal deutlich kühler, kippt doch die Stimmung in eine frostigere Richtung und wird der Black-Metal-Kern deutlicher spürbar, ohne allerdings in den Vordergrund zu drängen, mehr wie ein Schatten im flackernden Kerzenschein, wie ein kalter Luftzug in kalten, steinernen Gewölbe: kurz, eindringlich, dann wieder verhallend. Wieder fallen die Kontraste und manchmal auch Gleichzeitigkeit von harschen Passagen und ruhigen, beinahe kontemplativen Momenten auf – als würde die Musik immer wieder innehalten, um sich ihrer selbst zu vergewissern. „Il Rito Della Consacrazione“ bildet den stillen Mittelpunkt des Albums. Langsame Rhythmen, sakral anmutende Gesänge und eine spürbare Reduktion erzeugen eine ganz eigene Charakteristik und Atmosphäre. Zärtlich, fragil, sphärisch. Irgendwie wie eine Schwelle – über die Hörerin treten oder doch wieder vorsichtig zurückweichen kann. Den Abschluss bildet „Venti Anni Dopo: La Partenza (Nascita della Nazione Sannita)“,Motive tauchen auf, verlieren sich, kehren verändert zurück. Die Dramaturgie ist fragmentarisch, fast sprunghaft, aber nie beliebig. Es ist Musik, die erzählt, erinnert aber auch aufbricht, Impulse setzt. Erzählung ohne Ziel.
Auffällig bleibt über das gesamte Album hinweg die bewusste Verweigerung klassischer Songlogik, Ver Sacrum fordert daher Aufmerksamkeit. Wer hier nach konventioneller Härte sucht, wird Leerräume finden. Wer zuhört, findet Tiefe. Ver Sacrum entfaltet seine Wirkung nicht über Druck oder Geschwindigkeit, sondern über Präsenz. Die Musik steht im Raum wie kalter Stein, unbeweglich und doch voller Geschichte. DAWN OF A DARK AGE schafft eine Atmosphäre, die weniger aggressiv als beschwörend ist – ein langsames, bewusstes Herantasten an etwas Altes, Unausweichliches. Rohheit ist hier nicht das Ziel, sondern vielmehr (Ausdrucks-)Mittel: rau, aber kontrolliert, immer wieder zurückweichend, um anderen Klangfarben Platz zu machen.

Fazit:
Ver Sacrum ist ein zurückgenommenes, ernsthaftes Werk. DAWN OF A DARK AGE setzen auf Atmosphäre statt Eskalation, auf Bedeutung statt Effekt. Das Album wirkt wie ein langsames Ritual, dessen Kraft sich nicht sofort erschließt, sondern mit der Zeit. Es ist sperrig, stellenweise kühl, bewusst unzeitgemäß – und gerade deshalb konsequent. Kein Album für flüchtiges, beiläufiges Hören, sondern für Momente der Konzentration. Eher eine Spur. Im Stein. Nicht laut. Aber dauerhaft. Die Kraft erschließt sich langsam – oder gar nicht.
Das muss man mögen – in all der Mehrdeutigkeit des Satzes.
Punkte:
Autor: distelsøl
