ELLENDE – Zerfall (2026)

Band: ELLENDE
Album: Zerfall
Genre: Post-Black Metal
Label: AOP Records

Trackliste:
01. Nur
02. Wahrheit Teil I
03. Wahrheit Teil II
04. Zerfall
05. Übertritt
06. Ode ans Licht
07. Zeitenwende Teil I
08. Zeitenwende Teil II
09. Reise

Als Grazer Exportschlager darf man wohl Lukas Goschs Soloprojekt ELLENDE bezeichnen, das sich nach fast zweijähriger Pause mit dem neuen Meisterwerk Zerfall zurückmeldet. Lukas überzeugt auf seinem neuesten, 11 Tracks starken Brecher wieder mit tiefer Poesie, hervorragender Instrumentalistik und wunderschönen Klanglandschaften, die er in gewohnter ELLENDE-Manier in eisige Härte bettet.

Schon beim Intro „Nur“ wird das deutlich: Es legt avantgardistisch und jazzig los, wechselt ins feierlich Atmosphärische und leitet fließend zu „Wahrheit Teil I“ über, wo es Lukas wieder perfekt gelingt, nicht nur klangliche Tiefe, sondern auch raumgreifende Atmosphäre zu erzeugen. Neben schönen und verspielten Gitarrenlinien kommt der Track mit eisigen und reißenden Blasts, bissigen Riffs und ruhigen Passagen daher und erzeugt Spannung und Druck – trotz mittlerem bis ruhigem Tempo.

Das wird in „Wahrheit Teil II“ fortgeführt, wobei hier Melodiebögen und Gitarrenarbeit mehr Bedeutung bekommen, da Riffing und Blasting weniger harsch gehalten sind und so das ein oder andere technisch hervorragende Solo besonders zur Geltung kommt.

Beim Titeltrack „Zerfall“ zeigt sich wieder die größte Stärke von ELLENDE: das raumumfassende Klangbild, das den Hörer mit sich trägt und durch seine individuelle Mischung aus Härte und Verspieltheit absolute Individualität gewinnt. Zarte Pianotöne und weiche Melodieführung eröffnen, bevor eisige Kälte und hohes Tempo übernehmen. Ein Mix, der nur durch die absolut einzigartige Melodieführung und die großartige Harmonie der Nummer gelingt. „Zerfall“ hat zudem die Eigenschaft, bedrückend und befreiend gleichzeitig zu wirken – erreicht durch das Zusammenspiel aus tiefer Dramaturgie in der Melodieführung, eisiger Härte im Riffing, melancholisch-gutturalem Gesang und hervorragender Instrumentalistik in puncto Basslinie und Gitarrenarbeit. Ein Track, der beides gleichzeitig aufkeimen lässt: Hoffnung und Verzweiflung, Trauer und Erhabenheit – eine Eigenschaft, die keine Band so drauf hat wie Ellende.

Erhaben und feierlich geht es mit „Übertritt“ weiter – ein Track, der erneut die Grenzen zwischen Melancholie und Freude, Trauer und Lebenslust verschwimmen lässt und neben hervorragender Instrumentalistik und wunderschöner Melodieführung mit seiner ganz eigenen, den Boden unter den Füßen wegreißenden Stimmung aufwartet.

Das wird in „Ode ans Licht“ fortgesetzt, denn hier wird das Soundbild überraschend freundlich und friedlich – in komplettem Kontrast zu den bittertraurigen gutturalen Vocals, die fast schon bitter klingen.

Post Black Metal der feinsten Sorte bietet auch „Zeitenwende Teil I“, bei dem Lukas von Klara Bachmair (FIRTAN) auf der Violine unterstützt wird. Das sorgt für noch tieferes Soundbild und noch tragendere Atmosphäre, lässt den weichen, schönen, fast schon liebevollen Einstieg perfekt gelingen – bevor heftiges Blasting, eisige Gitarren und Lukas’ bittere Stimme hinzustoßen und dem Track neben emotionaler Tiefe, dem Wechselspiel der Gefühle und getragener Melodie eine musikalisch hochwertige Komponente verleihen.

Diese kommt im zweiten Teil des gewaltigen Liederpaars, „Zeitenwende Teil II“, durch hervorragende Arbeit an den Leads, perfekt gesetztes Drumming, interessante Basslinie sowie harmonisch gesetzte Takt- und Tempowechsel besonders zur Geltung. Fast schon rein blackig und teilweise hardrockig baut sich die Nummer geschickt auf, unterbricht sich selbst und spielt mit Takt und Tempo, wie nur ELLENDE dies kann.

Thematisch passend und nicht nur vom Titel gelungen leitet „Reise“ mit seiner tiefdüsteren, traurigen und gleichzeitig erhabenen, würdevollen Stimmung ein durchaus gelungenes Album aus. Gezieltes und prägnantes Riffing sowie Stimmungswechsel durch Änderungen in Basslinie und Drumming verleihen Tiefe, Dynamik und fast körperlich spürbare Wirkung. In „Reise“ wartet zudem noch ein besonderes Zuckerl: Neben gutturalem, eisig-bösem Gekeife hört man auch wunderschöne Clean-Parts, die die Nummer zusätzlich aufwerten und ihr noch mehr Individualität verleihen.

Fazit:
Zerfall ist ein weiteres eindrucksvolles Statement dafür, warum ELLENDE seit Jahren eine Ausnahmestellung im post-/atmosphärischen Black Metal einnehmen. Lukas verbindet erneut tiefgehende Emotionalität, poetische Schwere und musikalische Raffinesse zu einem Gesamtkunstwerk, das nicht nur Atmosphäre erzeugt, sondern diese regelrecht atmet. Die durchdachte Dramaturgie, die raumgreifenden Klanglandschaften und die konsequent starke Instrumentalistik machen Zerfall zu einem beeindruckenden Release, bei dem einmaliges Hören zu wenig ist, um es vollumfassend begreifen zu können. Die Stärke der Platte liegt in ihrer Fähigkeit, Gegensätze miteinander zu verschmelzen: Härte und Zartheit, Verzweiflung und Hoffnung, Kälte und Wärme existieren hier nicht nebeneinander, sondern greifen ineinander. Durch das konsequent raumgreifende Klangbild, die durchdachte Songstruktur und die enorme Ausdruckskraft ist Zerfall ein geschlossenes, emotional dichtes Alleinstellungsmerkmal, das lange nachhallt und ELLENDES Handschrift einmal mehr unverkennbar macht.

Punkte:

Autor: Nicki