Band: LES CHANTS DE NIHIL
Album: Graines
Genre: Black Metal
Label: Les Acteurs de l’Ombre Productions
Trackliste:
01. Ignares
02. Saigner
03. Garnies
04. Regains
05. Graines: L’imprégnation
06. Graines: Le temps suspendu
07. Graines: L’étincelle primale
08. Graines: Pour un ailleurs

Was hätte die Erde zu sagen, wenn sie eine Seele hätte? Diese Frage stellen LES CHANTS DE NIHIL ins Zentrum ihres neuen Albums. Die Band aus der Bretagne personifiziert auf Graines den Planeten: seine Wünsche, seine verlorene Unschuld, die Fortpflanzung und die Rebellion gegen die eigene Brut. Ein Konzept planetarer Größe, über acht Stücke ausgebreitet. Die Frage ist, ob die Musik ihm gewachsen ist oder ob sie es nur umkreist.
Zunächst fällt die Beweglichkeit auf. Chaos wäre das falsche Wort, denn hier herrscht Vielfalt mit Ordnung. Die Gitarren surfen entlang der Rhythmusstruktur, immer vor der Welle, nie unter ihr. Rhythmen und Melodien verschieben sich, mehr als bloße Akzentwechsel. Der getragene, fast theatralische Klargesang bricht in „Saigner” unvermittelt in das Krächzen hinein, und die Übergänge gelingen mühelos. Das ist eine eigenwillige Sprache, weit entfernt vom Black-Metal-Standardvokabular. Auch andere ungewöhnliche Einfälle fügen sich erstaunlich selbstverständlich ein: Ein beschwingt swingender Basslauf unter einem schneidenden Riff wie in „Regains”? Warum eigentlich nicht. LES CHANTS DE NIHIL trauen ihrer Musik einiges zu und lassen sich von Genregrenzen kaum einschränken. Doch so faszinierend einzelne Wendungen sein können, so wenig hinterlassen sie zunächst einen bleibenden Eindruck. Die Kompositionen sind reich an Bewegung, ohne dass diese Bewegung immer auf etwas hinausläuft. Bewegung ist keine Richtung. Vielfalt ist keine Dramaturgie. Das Album erzählt, aber die Musik allein erzählt nichts, zumindest nichts, was sich ohne die Lyrics nachvollziehen ließe. Wer nur hört, folgt keiner Geschichte, sondern einer Folge von Einfällen. Manche faszinieren, viele sind originell. Aber nicht jede Wendung scheint dem Ganzen zu dienen. Man fragt sich, ob diese Komplexität für das Konzept nötig ist, oder ob sie von dessen Kern ablenkt.
Erst als sich die Musik im weiteren Verlauf zurücknimmt, verändert sich die Perspektive. Unverzerrte Gitarren und Meeresrauschen in „Graines I: L’imprégnation” öffnen einen Raum, den die vorherigen Stücke allenfalls angedeutet haben. Die Musik darf ausatmen. Sie gewinnt Weite, und plötzlich entsteht aus den einzelnen Abschnitten tatsächlich ein Spannungsbogen. Das anschließende Klavierinterlude bleibt eine Skizze: eine ruhige Akkordfolge, mehr Überleitung als eigenständige Komposition. Ob es dafür einen eigenen Track gebraucht hätte, darf man sich durchaus fragen. Umso eindrucksvoller fällt der folgende Höhepunkt aus. Ín „Graines: L’étincelle primale” verbinden LES CHANTS DE NIHIL atmosphärischen Black Metal mit progressiven Entwicklungen, kreisenden Gitarrenfiguren und zurückgenommenen Passagen. Der Klargesang findet endlich seinen Platz im Gesamtbild, statt bloß einen reizvollen Fremdkörper abzugeben. Ein klassisch anmutendes Gitarrensolo führt die Musik zusätzlich aus dem bislang dominierenden Midtempo-Rahmen heraus. Fast zehn Minuten nimmt sich das Stück Zeit. Erstmals fühlt sich diese Länge nicht nach einer Ansammlung von Ideen an, sondern nach einer Entwicklung, die ihre Zeit braucht. Alles fließt zusammen, ergibt eine Figur, einen Körper, irgendwo zwischen Atmospheric Black und Progressive Metal platziert. Das ist das eigentliche Herzstück von Graines. Der Schluss, „Graines IV”, wirkt gerade nach dieser Öffnung wie ein Wiederaufrichten: stärker black-lastig, an einer markanten Gitarrenlinie zugespitzt und verdichtet. Ein Kontrast, der aufmerken lässt.
Der Sound unterstützt die erwähnte Beweglichkeit: Die Gitarren besitzen ordentlich Gewicht, bleiben aber durchlässig; der Bass ist mehr als bloßes Fundament, sondern melodischer Akteur, während sich die druckvollen Drums gelegentlich mit etwas zu aufdringlichen Cymbals bemerkbar machen. Insgesamt erhält die Musik genügend Raum, um ihre vielen Schichten offenzulegen.

Fazit:
Graines ist ein eigenwilliges, handwerklich souveränes Album mit einer beweglichen Musiksprache und Ideen im Überfluss. Doch nicht jede Wendung überzeugt. Die Konstruktion scheint öfter Selbstzweck zu bleiben, als es dem Konzept guttut. Die Dramaturgie wirkt nicht immer überzeugend. Die Weite, die das Konzept verspricht, kommt spät, dafür mit Wirkung. Ein Album, das tiefer ginge, wenn es weniger zeigen wollte.
Punkte:
Autor: distelsøl
