NUMEN – Erre (2026)

  

Band: NUMEN
Album: Erre
Genre: Black Metal
Label: Les Acteurs de l’Ombre Productions

Trackliste:
01. Kez beteriko zeru penatua
02. Negu itxian Urtarril hotza
03. Errautsen azken arnasa
04. Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua
05. Euria infernuko sutan

Das baskische Quintett NUMEN besteht seit kanpp 30 Jahren. Nach einer siebenjährigen Veröffentlichungsstille kehren sie mit ihrem fünften Album Erre zurück, das sich weder nostalgisch gibt noch den Anschluss an moderne Strömungen sucht. Stattdessen steht es für eine authentische kulturelle Verwurzelung – sämtliche Texte sind in Euskara verfasst – und tiefe Verbundenheit zur Tradition des Black Metals.

Ein ruppiger Black-typischer Auftakt eröffnet das Album. „Kez beteriko zeru penatua“ reißt die Hörerin in das Album hinein, ohne viel zu fragen, ohne zu erklären, ohne zu verführen – hart und direkt. Aber bereits wenige Sekunden später spitzt man die Ohren: das ist mehr als „typisches“ Black Metal-Geknüppel. Ein eiskaltes Riff über treibenden Drums, kreischend-schreiende Vocals in einer unbekannten Sprache. Man versteht nichts und doch entsteht eine Atmosphäre von frostiger Kälte, unterstützt von einem Klangbild, das hohe Frequenzen betont. Wie eisiger Wind über schroffen kalten Felsen, unwirtlich zwar, aber doch von eigenartiger Schönheit. Nicht einladend, aber fesselnd. Dazu kommt eine ganz besondere, faszinierende Dynamik zwischen langsameren oder melodiöseren Passagen, die im Kontrast zur Raserei stehen. Der Song hat mit über neun Minuten Spieldauer Zeit sich zu entwickeln und wird dabei nie langatmig, sondern nimmt unerwartete Wendungen, zeigt unterschiedliche Facetten und hält so die Spannung bis zum Schluss.
Diese Strukturen zeigen sich – in wohltuender Vielfalt und Variation – in allen Songs des Album, ohne gleichförmig zu wirken. NUMEN setzen nicht ausschließlich auf Geschwindigkeit. Immer wieder öffnen sich Räume zwischen den aggressiven Passagen. Akustische Gitarren tauchen als kurze Lichtblicke auf, traditionelle Elemente, die auf die Folk-Wurzeln der Band verweisen, werden äußerst sparsam eingesetzt und dienen der Atmosphäre. Jeder einzelne Song hat einen eigenen Charakter, zeigt auf eigene Art das titelgebende ‚Brennen‘, das wohl thematisch für die Hexenverfolgung und Inquisition im Baskenland des frühen 17. Jahrhunderts steht.
So zeigen die Basken in „Hustasuna – Oroitzapen galduen putzua„, dass Epik nicht aus Lautstärke entsteht, sondern aus Raum, aus Dramaturgie und Entwicklung. Wiederkehrende Motive erzeugen einen Sog, der die Hörerin immer tiefer in das Stück hineinzieht. Die Gitarrenarbeit verbindet nordische Kälte mit einer eigentümlichen Erdverbundenheit. Nichts wirkt ornamental. Jeder Übergang dient dem Aufbau einer Atmosphäre, die zugleich melancholisch und bedrohlich erscheint.
Durchgängig auffällig ist das Klangbild, das trotz der Frostigkeit und Betonung der Höhen, den Instrumenten Raum gibt, sie entwickelnd Kontur, bleiben aber Teil des organischen Ganzen. Es ist ein Kunststück auch den Bass in der Art herausklingen zu lassen, ohne ihn zu isolieren. Aber dieses Klangbild – so wohl dosiert es auch ist – muss man mögen. Beispielhaft für die feine Dosierung sei „Errautsen azken arnasa“ erwähnt, wo treibende Blastbeats, scharfe schneidende Gitarren und wie Schmerzensschreie kreischende Vocals über einer ruhigen, ja man ist geneigt zu sagen, chilligen Basslinie mit jazzy-vibes fegen, ohne ihn aus der Ruhe zu bringen.
Ganz ähnlich – und doch ganz anders – auch im Closer „Euria infernuko sutan„, Wieder ein Stück mit über neun Minuten Laufzeit, in dem aber am stärksten die authentische Verwurzelung und kulturelle Eigenständigkeit der Basken hörbar wird. Während viele Folk-Black-Metal-Bands ihre Herkunft über eingängige Melodien oder offensichtliche traditionelle Instrumentierung vermitteln, geschieht dies hier subtiler. Die baskische Identität durchzieht die Musik wie ein unsichtbarer Faden. Sie ist nicht Dekoration, sondern Wesen der Kompositionen und gleichzeitig haben wir es mit lupenreinen Black zu tun.

Fazit:
NUMEN sind endgültig im Black Metal angekommen und verdichten mit Erre ihre Stärken. Die Musik setzt auf frostige Atmosphäre, dezent eingesetzte Folkelemente und fesselnde Dramaturgie. Nichts wirkt plakativ, nichts aufgesetzt. Kulturelle Verwurzelung, ganz ohne Romantisierung und gleichzeitig Black Metal-Geknüppel mit viel Dynamik. Eine echte Empfehlung.

Punkte:

Autor: distelsøl